Stefanie Knittl

Häuser erzählen Geschichten

Die Baumeisterfamilie Knittl am Starnberger See (1872-1987)

 

Vor drei Jahren stieß eine Ausstellung im Ortsmuseum in Tutzing unter dem Titel: „Knittl, Baumeister, Tutzing – Häuser und Villen am Starnberger See“ auf großes Interesse. Die Kuratorin Stefanie Knittl hatte mit dem Thema einen Nerv getroffen, denn viele Menschen nehmen wahr, dass sich der Ort, in dem sie leben, immer mehr baulich verändert und diese Veränderungen das gesellschaftliche Zusammenleben beeinflussen. Eine Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Tutzing und am Starnberger See, sondern in vielen beliebten Wohngegenden spürbar ist. Auf der einen Seite stehen Bauboom und steigende Immobilienpreise, auf der anderen zunehmender Strukturwandel auch auf dem Land und ein deutlicher Verlust an individueller Lebensqualität.

Nun hat Stefanie Knittl ein mit zahlreichen Zeitdokumenten und Fotografien ausgestattetes Buch über die Baumeisterfamilie Knittl, ihre Häuser und Villen geschrieben, sowie über die Menschen, die in ihnen wohnten.  

Die Firma Knittl, einst größtes Baugeschäft am Starnberger See, prägte über vier Generationen und einen Zeitraum von 115 Jahren das Bauen und Wohnen in der Region. Der Zeitgeschmack der Architektur, die wirtschaftliche Lage, familiäre Umstände und persönliche Fähigkeiten der Knittl-Baumeister waren bestimmend für den Erfolg und das Ende einer typischen Handwerkerfamilie. Wie auch viele andere alteingesessene regionale Arbeitgeber erreichte ihre Karriere im Goldenen Zeitalter des Bauens während der Prinzregentenzeit in Bayern den Höhepunkt. Und wie so viele andere musste die Firma Knittl ihre Tore schließen, als der Wettbewerbsdruck im Laufe der Jahre durch Billiganbieter zunahm und sie dem wirtschaftlichen und sozialen Umbruch nicht mehr gewachsen war.

Stefanie Knittl dokumentiert auf insgesamt 300 Seiten mit 345 Abbildungen das historische Bauen von Landhäusern, Villen, Wohn- und Geschäftshäusern, Hotels, Gastwirtschaften, landwirtschaftlichen Gebäuden sowie Hütten, Brücken und Mauern rund um den Starnberger See. Die Schauplätze befinden sich in Tutzing, Feldafing, Garatshausen, Pöcking, Starnberg, Bernried, Seeshaupt sowie am Ostufer und in den Voralpen. Darüber hinaus beschäftigt sich das Buch mit den geschichtlichen Hintergründen, historischer Baulogistik und weiteren Baumeistern, Architekten und Bauhandwerkern, die in der Region Einfluss nahmen. Insbesondere aber, und hier liegt der große Reiz von Stefanie Knittls Buch, werden die vielen  „kleinen“, bisher eher unbekannten Geschichten jener Häuser erzählt, deren Bewohner in Verbindung mit ihrem Zuhause einen Eindruck vom ursprünglichen gesellschaftlichen Leben am Starnberger See vermitteln. Erzählt wird Orts-, Regional- und Architekturgeschichte, aber eben auch und vor allem die Geschichte des Wohnens und Lebens am Starnberger See. Diese Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten, denn sie zeigt, dass die Lebensqualität mit Blick auf die Alpen und den See ein ebenso hohes wie vergängliches Gut darstellen kann. Ungeachtet vieler marktwirtschaftlicher Interessen geht von alten Häusern nach wie vor ein besonderer Zauber aus. Diesen Zauber fängt Stefanie Knittels Buch vor dem Hintergrund der Geschichte des Bauens und Wohnens ein – ein lesenswerter Beweis, warum es bis heute so viele Menschen an den Starnberger See zieht.

 

Stefanie Knittl: Häuser erzählen Geschichten. Die Baumeisterfamilie Knittl am Starnberger See (1872-1987).

Apelles Verlag, Starnberg 2018. 300 Seiten. Mit 345 Abbildungen. ISBN 978-3-946375-05-0

 

Erhältlich ab Mitte Juni 2018 in den Tutzinger Buchhandlungen, in ausgewählten Verkaufsstellen in Feldafing, Pöcking, Bernried, Seeshaupt, Münsing, Starnberg und unter www.villaknittl.de zum Preis von € 39.80.

 

 

Veranstaltung Feldafing im Bürgersaal am 19.10.2018 um 19 Uhr

 

Die Baumfirma Knittl, einst größtes Baugeschäft am Starnberger See,wurde 1872 vom Maurermeister Josef Knittl an der heutigen Hauptstraße 93 in Tutzing gegründet und prägte über vier Generationen und einen Zeitraum von 115 Jahren das Bauen und Wohnen in der Region. Der älteste tatkräftige Sohn des Gründers, Xaver Knittl (1873-1933), übernahm das Baugeschäft seines Vaters in Tutzing und baute in der Prinzregentenzeit und in den Goldenen Zwanzigerjahren Häuser und Villen rund um den Starnberger See.

Sein jüngster Bruder, Engelbert Knittl (1882-1963), übernahm das Baugeschäft des bekannten Baumeisters Johann Biersack (1840-1907) in Feldafing, als dieser unerwartet 1907 verstarb.

Engelbert war ein sehr künstlerisch veranlagter Baumeister, der maßgeblich die Architektur in Feldafing und Pöcking prägte. Seine eigene heute denkmalgeschützte Familienvilla erbaute er sich 1909 an der Rat-Jung-Straße 22 in Feldafing, auf deren Grundstück er auch die Lagerhallen nebst Werkstätten für sein Baugeschäft errichtete. Dass er als Tutzinger in Feldafing mühelos „eingebürgert“ wurde, verdankte er auch dem Bruder seiner Ehefrau Anna Rödl, der in die bekannte Feldafinger Schreinerfamilie Flossmann eingeheiratet hatte.

Neben selbst entworfenen Häusern errichtete Engelbert Knittl in Zusammenarbeit mit namhaften Architekten weitere ortsprägende Häuser und Villen in Feldafing wie beispielsweise die vom bekannten Münchner Architekten Richard Riemerschmied entworfene Villa Carl oder die Landhäuser Andreae (Architekt Fritz Breuhaus) und Tirpitz. Nachdem sein unmittelbarer Baukonkurrent in Feldafing Johann Steidele im Jahr 1920 verstorben war, konzentrierte er sich voll und ganz auf seine Wahlheimat. Auch das von den Einheimischen so geliebte Strandbad entwarf er im Jahr 1927 und realisierte es zusammen mit der Schreinerei Flossmann. An die rund dreißig Bauten, bei denen Engelbert Knittl beteiligt war, werden im Buch präsentiert und deren „kleine“, bisher eher unbekannten Geschichtenerzählt. Zudem sorgt eine Auswahl an Abbildungen von bis jetzt unveröffentlichten Glasplattenfotografien dafür, einen Eindruck vom damaligen gesellschaftlichen Leben in Feldafing zu bekommen.

An dem Abend sprechen für die Gemeinde Feldafing der Bürgermeister Bernhard Sontheim sowie Karin Bergfeld für den Kunst- und Museumsvereins. Im Anschluss reden der aus Feldafing stammende Architekt Michael Wissnet, der Frankfurter Architekt Siegfried Wendt sowie die Autorin Stefanie Knittl über den Reiz historischer Häuser und deren einzigartiges Erbe.

Für wahre Musikkenner ist an diesem Abend ebenfalls viel geboten. Gert Wilden (p), Klaus Sperber (bs), Eberhard Köstler (fl&sax) und Jogi Tautz (dr) übernehmen die musikalische Begleitung. 

Musikliebhaber werden sich noch an ihre Konzerte im Feldafinger Gasthof Pölt erinnern, dort wo die musikalische Karriere der damaligen Bandmitglieder begann. Exklusiv treten sie an diesem Abend nach sehr langer Zeit zusammen auf.

Für das leibliche Wohl sorgt das Catering von Tino von Gleichenstein. Im Anschluss an den offiziellen Teil gibt es einen Bücherverkauf. Die Autorin Stefanie Knittl signiert diese gerne mit persönlicher Widmung.